Gehe auf eine Wiese
Auch jetzt, im Winter, finde ich es reizvoll, in die Natur zu gehen, und sei es nur in Gedanken:
Gehe auf eine Wiese; da siehest du mancherley Kraut und Blumen, du siehest bittere, du siehest herbe, süße, saure, weiße, gelbe, rote, blaue, grüne und mancherley. Spricht auch ein Kraut, Blume, Baum zum andern: du bist sauer und dunkel, ich mag nicht neben dir stehen? Wachsen sie nicht alle aus der Erde? Stehen sie nicht nebeneinander? Mißgönnet auch eins dem andern seine schöne Gestalt? Haben sie nicht alle Eine Mutter, daraus sie wachsen?
Also auch alle Seelen aus Einer. Alle Menschen aus Einem. Warum rühmen wir uns Kinder Gottes, so wir doch unverständiger sind als die Blumen und das Kraut auf dem Felde? Ists nicht auch also mit uns, daß Gott seine Weisheit in uns offenbaret? Wir sollten uns vielmehr darüber erfreuen und uns herzlich lieben, daß Gott seine Weisheit in uns so vielfältig offenbaret.
Jakob Böhme