Was mit Holz
Ich arbeite seit mehr als 22 Jahren als Software Ingenieur und habe Spaß daran. Aber nach der Arbeit mache ich den Rechner aus, mir fehlen oft einfach die Lust und die Energie, noch private Software-Projekte zu starten, auch wenn ich hunderte Ideen hätte.
Vor einiger Zeit habe ich dann begonnen, mich (wieder) verstärkt für das Bauen von Dingen aus Holz zu interessieren (ich hatte in meiner Kindheit bereits oft Kontakt dazu). Es fing ganz harmlos mit ein paar YouTube-Videos an und endete damit, dass ich mir Material für den Bau einer Werkbank besorgte. Weil ich aber kurz darauf umzog, blieben das Material erst einmal in der Ecke (es neuen Kellers) stehen.
Wie immer, wenn man umzieht, ergaben sich bald ein paar Einrichtungsideen, die man mittels eines Möbelhauses hätte lösen können, aber irgendwie fanden wir nie etwas, das exakt den Anforderungen entsprach oder einfach in den Preisrahmen passte, den wir uns vorstellten. Eigenbau schien mir daher die Klappe zu sein, mit der ich mehrere Fliegen erschlagen konnte.
Ein paar Werkzeug und Materialkäufe später hing dann beispielsweise ein Regal aus Eichenholz über meinem Schreibtisch, unter welchem ein LED-Streifen so montiert war, dass die Wand hinter dem Schreibtisch beleuchtet, aber ich nicht geblendet wurde.
Wenig später kam dann ein Spiegelschrank für das Bad hinzu, welcher aus ein paar beschichteten MDF-Platten und einem vorhandenen Spiegel samt ornamentiertem Rahmen zusammen gezimmert war. Zwischenzeitlich wurde noch eine Vitrine auf neue Beine/Füße gestellt.
Insgesamt hat mich der Bau des Spiegelschranks etwa 30 € für das Material gekostet, was verglichen mit den Preisen für Badmöbel aus dem Möbelhaus unschlagbar günstig ist. Die Kosten für Zeit und Werkzeuge spielen keine Rolle, da ich hier mein Hobby mit dem Nützlichen verbinden konnte.
Derzeit entsteht die Werkbank, die schon vor 2 Jahren fertig sein sollte, in einer neuen Iteration für meinen winzigen Keller, teilweise aus Material, das ich aus dem Sperrmüll gezogen habe.
Meine “Werke” sind weit davon entfernt perfekt oder auch nur wirklich gut zu sein. Manche Kante ist schief, Löcher nicht immer an der Stelle, wo sie sein sollten. Aber ich habe Spaß und lerne jedes Mal dazu.
Was mich aber am meisten fasziniert, ist der Fakt, dass offenbar die Menge der Hobby-Holzwerker mit der Menge der in der IT Beschäftigten eine ziemlich große Überschneidung hat.
Ich kann mir das nur so erklären, dass die Arbeit mit Software in ihrer Natur die Unmittelbarkeit vermissen lässt, die bei der Herstellung physischer Objekte Befriedigung verschafft.
Wenn ich eine Software für einen Kunden erstelle, ist das oft ein Prozess, der über Jahre geht. Ich sehe zwar immer wieder mal, was ich da baue, aber das ist nichts Greifbares, Haptisches.
Software ist fluide, sie ändert sich ständig, nur weniges hat Bestand. Nicht selten arbeitet man über Jahre an einer Software und wird doch nie fertig, weil sie immer wieder an neue Anforderungen angepasst wird, ihren Aufbau, ihre innere Logik und ihr Aussehen ändert. Zudem sind unweigerlich immer wieder Fehler enthalten, die beseitigt werden müssen. Die hineingesteckte Arbeit verschwindet oft vollständig hinter der oft vergleichsweise einfachen Fassade, die ein Nutzer sieht (sofern die Software nicht etwas ist, das ohnehin nur im Hintergrund auf einem Server läuft)
Baut man etwas aus Holz, erhält man dagegen etwas, das man anfassen, befühlen und oft auch riechen kann. Etwas, dass die Arbeit und Mühe direkt repräsentiert, die in die Herstellung investiert wurde. Obwohl prinzipiell die gleichen Strategien zur Lösung von Herausforderungen angewandt wurden wie der Softwareentwicklung, erhält man ein völlig anderes, viel direkteres Feedback.
Und das verschafft eine unheimliche Befriedigung.
Die Arbeit mit Holz erfordert Planung und Gewissenhaftigkeit, und trotzdem ist sie auch kreativ und auf eine Weise anstrengend, die vielleicht mit einer langen Wanderung zu vergleichen ist.
Nicht jedes Holzprojekt wird vollendet, nicht jedes vollendete Projekt ist so schön wie ich es mir vorgestellt hatte, trotzdem habe ich nie das Gefühl, meine Zeit verschwendet zu haben.