Die Nexus-Methode: Gelerntes sichtbar machen
Manchmal geschieht es mitten in einem spannenden Buch oder während eines inspirierenden Vortrags: Ein Gedanke fasziniert, doch kaum habe ich ihn erfasst, scheint er schon wieder zu entgleiten. Dieses paradox wirkende Phänomen ist nicht neu, aber es hat inzwischen einen Namen. Der Philosoph und Autor Jonny Thomson schlug dafür den Begriff lethomanthia vor – das Vergessen im Moment des Lernens. Ich erkenne mich darin wieder: Oft wünsche ich mir, die Fülle von Eindrücken und Informationen so ordnen zu können, dass sie mir auch später noch zugänglich bleibt. Genau an diesem Punkt setzt die sogenannte Nexus-Methode an.
Ursprung der Methode
Entwickelt wurde sie von Iain McGilchrist, einem britischen Psychiater, Neurowissenschaftler und Philosophen. Er stand selbst vor der Herausforderung, jahrzehntelanges Wissen und umfangreiche Recherchen zu strukturieren. Statt sich in einer kaum mehr überschaubaren Menge an Notizen zu verlieren, entschied er sich für einen ungewöhnlich einfachen Ansatz: Er definierte 70 Schlüsselbegriffe, die er auf einzelne Karten schrieb, und ordnete seine Notizen jeweils darunter ein. Dann breitete er die Karten auf dem Boden seines Arbeitszimmers aus, verschob sie, legte sie neu an und schuf auf diese Weise eine Art geistige Landkarte. So entstand eine Methode, die zwar aus persönlicher Not geboren war, sich aber erstaunlich vielseitig einsetzen lässt.
Mich beeindruckt daran vor allem ihre Bodenständigkeit. Sie kommt ohne komplexe Software, ohne digitale Spezialprogramme und ohne aufwändige Technik aus. Alles, was man benötigt, ist Papier, ein Stift, etwas Platz und die Bereitschaft, Gedanken physisch in den Raum zu stellen. In einer Welt voller technischer Hilfsmittel wirkt dieser Ansatz beinahe schlicht – und gerade darin liegt seine Stärke.
Ordnung im Chaos
Im Zentrum steht die Arbeit mit Schlüsselbegriffen. Zunächst werden einige zentrale Themen ausgewählt, die man auf Karten schreibt. Diese fungieren gleichsam als Ankerpunkte. Dann sammelt man gezielt Material – Fakten, Gedanken, Zitate – und notiert sie, wiederum auf Karten oder Zetteln. Nun beginnt der eigentliche Prozess: Die Notizen werden den Schlüsselbegriffen zugeordnet und auf einer Fläche ausgebreitet. Mit der Zeit entsteht ein Bild, das anfangs chaotisch wirken mag, doch mit etwas Abstand treten Muster, Verbindungen und Brüche zutage. Einige Gedanken passen zu mehreren Begriffen und erweisen sich als Brückenstücke. Andere bleiben isoliert und offenbaren damit ihre geringe Relevanz. Auf diese Weise entsteht eine Landkarte des Denkens, die verborgene Strukturen sichtbar macht.
Der Prozess lässt sich in vier Schritten beschreiben:
- Schlüsselbegriffe festlegen: eine Auswahl von zentralen Themen definieren und auf Karten schreiben.
- Recherchieren: Bücher lesen, Vorträge hören oder Videos schauen – gezielt Material sammeln.
- Zuordnen: interessante Gedanken und Fakten notieren, mit Schlüsselbegriffen markieren und den passenden Karten zuordnen.
- Muster erkennen: Karten auf einer Fläche ausbreiten, verschieben und auf entstehende Verbindungen warten.
Die Wirksamkeit der Methode stützt sich auf zwei Mechanismen. Zum einen auf das Prinzip des cognitive offloading: Indem ich meine Gedanken nach aussen verlagere – sei es auf Karten, Zetteln oder digitale Notizen –, entlaste ich mein Arbeitsgedächtnis und schaffe Raum für Analyse, Mustererkennung und kreative Verknüpfung. Zum anderen nutzt die Methode cognitive maps: Das Gehirn arbeitet ohnehin mit mentalen Landkarten. Werden Ideen physisch ausgelegt, spiegelt das eine vertraute Arbeitsweise und erleichtert das Auffinden von Verbindungen. Diese doppelte Entlastung macht es möglich, überraschende Strukturen zu erkennen.
Anwendung und Bedeutung
Die Nexus-Methode ist keine abstrakte Theorie, sondern eine ausgesprochen praktische Vorgehensweise. Besonders deutlich zeigt sich dies in drei Anwendungsfeldern.
Für das Projektmanagement bietet sie einen systemweiten Überblick. Indem ich alle wichtigen Elemente – Budget, Design, Materialien, Zeitplan und beteiligte Personen – auf Karten schreibe, entsteht ein Rahmen, der Abhängigkeiten sichtbar macht. Plötzlich zeigt sich, wo Ressourcen fehlen, wo Aufgaben doppelt veranschlagt sind oder wo entscheidende Schnittstellen noch nicht bedacht wurden. Die Methode ersetzt damit keine klassische Planung, aber sie schafft eine zusätzliche Ebene des Überblicks, die sich im Alltag als wertvoll erweist.
Auch bei grossen Entscheidungen ist die Methode hilfreich. Nehmen wir den Wechsel in einen neuen Job oder den Umzug in eine andere Stadt. Anstatt mich in endlosen Pro-und-Contra-Listen zu verlieren, lege ich zwei parallele Landkarten an. Für jede Option schreibe ich Karten mit Bereichen wie Geld, Zeit, Menschen, Lernen, Sinn, Gesundheit und Ort. Dann ordne ich Fakten und Gefühle ein: „beste Freundin wohnt in der Nähe“, „kürzere Pendelzeit“, „bessere Weiterbildungsmöglichkeiten“. Beim späteren Betrachten zeigen sich Cluster, die eine Richtung nahelegen, ohne dass ich mich durch Listen abarbeiten müsste. Entscheidungen werden dadurch nicht einfacher, aber oft klarer.
Das dritte Feld ist das Schreiben von Sach- und Fachtexten. Auch hier bietet die Methode eine wertvolle Unterstützung. Anstatt lose Stichwortlisten oder unübersichtliche digitale Notizen anzulegen, lassen sich Argumentationsstränge, Themenfelder und Querverbindungen physisch ordnen. Ich kann Zitate, Beispiele und Thesen an passenden Stellen platzieren, Beziehungen zwischen Unterthemen sichtbar machen und so einen klaren roten Faden entwickeln. Die räumliche Anordnung erleichtert es, logische Strukturen zu erkennen und gleichzeitig neue Perspektiven zu erschliessen.
Sichtbarkeit als Lernprozess
Wesentlich ist, dass die Methode nicht auf perfekte Ordnung abzielt. Sie fordert im Gegenteil dazu auf, Unübersichtlichkeit zuzulassen. Gerade in diesem scheinbar chaotischen Geflecht verbirgt sich die Möglichkeit, Neues zu entdecken. #Lernen wird so weniger zu einem linearen Abspeichern von Informationen, sondern zu einem aktiven Prozess des Sichtbarmachens. Ich erkenne in der Methode eine Art Einladung, Denken nicht nur als sprachlichen, sondern auch als räumlichen Vorgang zu begreifen. Ideen entfalten sich nicht allein in Begriffen, sondern auch in Topografien. Wenn ich mich auf diesen Prozess einlasse, entsteht fast von selbst eine Art Dialog zwischen meinen Gedanken. Manche stehen isoliert und zeigen ihre Begrenztheit. Andere bilden Cluster, die mir vorher nicht bewusst waren. Wieder andere verbinden sich über mehrere Schlüsselbegriffe hinweg zu unerwarteten Übergängen.
Die Methode macht damit nicht nur mein Wissen sichtbar, sondern eröffnet auch neue Perspektiven. Gerade deshalb empfinde ich sie als ermutigend: Sie verlangt keine Meisterschaft in Rhetorik oder Logik, sondern nur die Bereitschaft, Gedanken nach aussen zu legen und in den Raum zu stellen. Alles Weitere ergibt sich im Zusammenspiel von Material, Struktur und Blickwinkel. Ich habe die Nexus-Methode inzwischen selbst ausprobiert – bei der Vorbereitung von Kursen und beim Schreiben. Jedes Mal hat sich gezeigt, dass sie nicht nur hilft, Komplexität zu ordnen, sondern auch neue Ideen freisetzt.
In ihrer Einfachheit liegt ihre Stärke. Stift und Papier sind keine nostalgischen Werkzeuge, sondern probate Mittel, um Wissen dauerhaft zu verankern und produktiv zu nutzen. Lernen ist eben kein passiver Vorgang, es ist eine Tätigkeit, die Sichtbarkeit verlangt. Wer seine Gedanken sichtbar macht, gibt ihnen eine Form, die bleibt.
Bildquelle Foto von AbsolutVision auf Unsplash.
Disclaimer Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet.
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