Der Emil

Notizblock

2026-01-06, etwa 21 Uhr

So fühle ich mich, wenn ich mich freimache von dem, was 15 Jahre lang mein Geländer war. So … So sonderbar unzufrieden und beruhigt.

Es ist Zufall, daß ich in einem von drei Ländern lebe, in dem der heutige Tag ein Feiertag ist. Aber im Gegensatz zu früher, da ich noch woanders wohnte, war am heutigen Tag bei mir nichts feierlich. Nichtmal das dritte festliche Abendessen habe ich mir gemacht – aber ich habe daran gedacht, wie das früher für mich, für uns, für die Familie war.

Traditionen enden. Alle. Irgendwann. Des bin ich sicher. Und auch ich kann Traditionen beenden, auslaufen lassen, nicht fortsetzen. Das weiß ich jetzt …

Sollte viel öfter möglich sein. Und auch viel freier!

Dann würd ich ins Jahr 1989 wechseln wollen. Oder gleich ins Jahr 2033. Dann hätte ich die Jahre 2020, 2021, 2022, 2023 nie mitgemacht. Ich hätte einfach in ein anderes Jahr gewechselt.

Ihr meint, es sein verwirrend, wenn alle plötzlich das Jahr, in dem sie leben, anders bezeichnen? Es wäre doch aber möglich, einen Konsens zu finden, nach dem das allgemein bezeichnet wird: Das aktuelle Jahr. Es kommt ja auch niemand auf die Idee, daß alle Betriebe ihr Geschäftsjahr zur gleichen Zeit beginnen und beenden müssen …

Eine eigne Zeitrechnung, eine, die für mich paßt, finden und leben. Statt Wochen zu sieben Tagen eben Quintolen zu fünf planen. Und statt der zwölf Monate einfach zehn Jahrstel zu je sechs Quintolen – und die nicht darin enthaltenen Tage als Freitage an einem Stück dann nehmen, wenn es paßt?

Aber ach ja, das ist ja alles nicht möglich, da kommt die Menschheit ja komplett durcheinander. Wo kämen wir denn hin, wenn der wichtigste Maßstab allen Handelns das Wohlbefinden aller Menschen sein sollte?

Für diesen Dichter ungewöhnlich

Weihnacht

Es blüht der Winter im Geäst, Und weiße Schleier fallen. Einsam erfriert ein Vogelnest. Wie vormals läßt das Weihnachtsfest Die Glocken widerhallen.

Es neigt sich über uns der Raum. Darin auch wir uns neigen. Es glänzt der Kindheit Sternentraum. Ein Tränenstern blinkt hoch am Baum. Das Licht weint in den Zweigen.

Johannes R. Becher: Gedichte. Werke in 3 Bd., Band 1. S. 437. 2. Auflage. © 1976 Aufbau Verlag Berlin und Weimar, DDR

Ach, der Becher. Der, der sich als Jugendlicher beinahe erschoß. Der, der den Text der Nationalhymne schrieb („Auferstanden aus Ruinen / und der Zukunft zugewandt …” – lesenswerter Text übrigens). Der Johannes R. Becher, der erster Kulturminister der DDR war und Vorsitzender des Kulturbundes. Es überrascht mich immer wieder, daß er auch durchaus Gedichte schrieb, die nichts Politisches (jedenfalls nichts offen Propagandistisches) zum Thema haben; vielleicht ist es mir seit meinem letzten Literaturunterricht 1982 auch einfach nur immer wieder entfallen.

#Fediventskalender25

Da wollte ich jetzt eine Funktion von #WriteFreely ausprobieren und es ging in die Hose. Ja, auch hier lassen sich Beiträge verfassen, die erst zu einem geplanten Zeitpunkt dann veröffentlicht werden (scheduled posts). Hab ich noch nie genutzt, hier in diesem System – und deshalb irgedendwo einen falschen Schritt/Klick gemacht. Hmpf.

Das muß ich nochmal üben, irgendwann.

Ich hoffe, daß … Ach, es wird schon werden

Tagsüber kommen und gehen die Gedanken wie sie wollen, es gibt nur sehr selten Gelegenheiten, in denen ich z. B. die Themen einschränke. Aber am Abend … Wenn die Lider schwerer werden … Wenn die Last und die Hektik (ja, viele Tage sind von ihr bestimmt, obwohl ich sie zu meiden versuche) ganz langsam an mir hinabgleiten, abfallen … Dann ist das irgendwie anders. Dann möchte ich schon gern wissen, was in meinem Kopf passiert, wohin sich das alles entwickelt – und zwar bevor es zu all dem kommt, bevor das alles in meiner Phantsie Purzelbäume schlägt.

Abends bevorzuge ich eine positiv melancholische Geisteshaltung.

Ich ziehe mich zurück in das Gefühl der Geborgenheit in Situationen, die mir guttaten und guttun. Das warme Eingelulltsein, das Anschmiegen an Irgendetwas, das sich gut anfühlt (anschmiegen auch im übertragenen Sinn). Und ich wähle diese Stimmung bewußt, verabschiede mich dafür von allen Aufregungen des Tages, versuche, den Zorn, die Wut, die Enttäuschung zur Seite zu legen. Mir hilft dabei die Besinnung auf drei Dinge, mit denen ich zufrieden war über den Tag (egal, wie klein das Ereignis, das Gefühl, der Erfolg, die Akzeptanz gewesen sein sollten). Am Abend will ich versöhnt sein mit dem Sein, mit meinem (Er-)Leben, mit meinem Selbstwertgefühl, mit meinem Umgang mit mir selbst. Das übe ich seit Jahren, das übe ich täglich, das gehört zu dem dazu, was ich selbst sein möchte und bin.

Am Abend, spätestens in der Dämmerung und/oder beim Entzünden der ersten Kerze, ändert sich die Richtung, in der meine Gedanken kreisen, weil ich das so will. Es ändern sich das Ziel, die Grenzen, die Intention, mit denen ich mein Denken beeinflusse. Wissentlich. Willentlich. Förderlich für mein Leben, mein Wohlbefinden, mein Alles.

Ich sag's ja: Abends denk' ich anders …

Und dann sitze ich in der Straßenbahn und neben mir steht eine junge, viel zu junge Frau, die gerade so nicht mehr Mädchen ist, eine Mulattin (sorry) in dünner, sehr dünner, enganliegender körperbetonender Kleidung, und ich muß sie betrachten und sehe überdeutlich ihre Brustwarzen und die Ansätze ihrer Schamlippen, weil sie wegen besserer Stabilität etwas breitbeinig neben mir steht; sie bemerkt meine Blicke und lächelt.

Was mein Kopf nicht begreifen kann: Sie lächelt (mich an? Lacht sie mich aus? Alter geiler Sack!) fast versonnen auf mich herab …

Ein Spaß nur; das Reim-Dich-oder-ich-freß-Dich schlug mal wieder zu:

Hinaus aus der Stadt mit der Eisenbahn: So frönen hier Leute dem Reisewahn. Ganz anders die Menschen in Flandern: Die wandern.

Ich bin neugierig, ob mir noch zu anderen Regionen solche Sachen einfallen.

Mal bin ich stet wie der Monsun, mal eine Bö. Sanft steiche ich über das, was ich durchziehe; vieles lasse ich hoch hinaufwirbeln. Ich helfe Drachen beim Steigen und Bäumen beim Brechen. Ich decke Dächer ab und treibe Schiffe voran. Meine Kraft gebe ich den Windmühlen im Vorüberziehen. So manche Flamme laß ich flackern und Funken weit fliegen.

Immer bin ich spürbar, immer bin ich überall. Nur festhalten kann mich niemand mehr.

Ich mach mich dem Wind gleich.

(Zuerst 2017 in meinem Hauptblog veröffentlicht.)

Ich war Soldat, drei Jahre lang im Kalten Krieg. Nur ein einziges Mal gab es völlig unvorbereitet einen Alarm, zu dem die Einheit mit scharfer Munition und scharfem Waffensystem ausrückte, woandershin als in das übliche Übungsgelände (es war 1983 zu „Able Archer”).

Doch selbst in diesen zwei oder drei Tagen war die Angst vor der Zukunft nicht so groß, wie sie heute bei mir ist.

Vielleicht liegt das daran, daß viele Gewißheiten einfach keine mehr sind (wir glaubten fest an die Vernunft aller Menschen). Daß selbst mein eigenes kleines Leben in der sogenannten „sozialen” Marktwirtschaft immer unsicherer, immer prekärer, immer armseliger wurde mit der Zeit. Weil es eben (zum Beispiel) nicht so sehr viele (kulturelle) Veranstaltungen gibt, die ich eintrittsgeldlos besuchen kann oder zu einem Preis, der im Regelbedarf abgebildet ist … Außerdem sorgt schon seit einigen Jahren mein Alter für sinkenden Wert meiner Person und meiner Fähigkeiten und Fertigkeiten „auf dem Arbeitsmarkt” (der in meinen Augen noch nie ein Markt war, nebenbei bemerkt).

Die verschwundenen Gewißheiten in meinem Leben wurden durch immer mehr immer größere Unsicherheiten ersetzt; und mir scheint bei denen ein guter Ausgang für mich der wesentlich unwahrscheinlichere Fall zu sein.

Nein, es ist nicht nur das, nicht nur ein Gefühl. Es ist eine mehr als beschissene Welt, die ich gerade erlebe. Gut und Böse sind nicht mehr klar voneinander zu unterscheiden. Die Vernunft scheint eine lange, sehr lange Pause zu machen (ich hoffe, daß sie noch nicht in der Notaufnahme oder Intensivstation gelandet ist). Nie im Leben hätte ich mir vorstellen, geschweige denn glauben können, daß ein paar sogenannte Politiker (aber Politik macht ja keiner mehr von denen, zumindest nicht mehr zum Wohle des Gemeinwesens) die Welt zugrundezurichten drohen. Und den Kann-Nicht-Kanzler zähle ich zu genau denen.

Was tun? Zumindest gegen mein ungutes Gefühl? Ich kann mich ja nicht einfach aus der Welt verabschieden, nicht dauerhaft, ich möchte schon noch eine Weile leben. Die Rückzüge in die Welten, die ich in Büchern finde, reichen mir nicht mehr aus, all den Scheiß zu kompensieren. Was ich dagegen tun kann, gegen den vorhersehbaren Weltuntergang, das tu ich; aber meine Mittel und Kräfte sind begrenzt. Wo ich mich mit anderen Menschen zusammentun kann dafür, da tu ich das; doch auch ich habe nur 24 Stunden täglich zur Verfügung, um etwas zu tun.

Ich hoffe, daß mich meine Angst – ja, ich habe Angst vor dem, was #Trump, #Putin, #Merz und all die anderen umsetzen wollen – nicht verstummen läßt. Nicht verzweifeln und erstarren läßt. Die ganze Welt, wie ich sie kenne, droht unterzugehen, diesmal in viel größerem Umfang als 1989/90. Und das, was dann vor uns liegt, wird dem ähneln, was meine Großeltern ertragen mußten.

Ich sehe einen (unter anderem sozialen) Kataklysmus auf mich, auf uns zukommen …