KontaktSplitter

Drei Monate “Kontaktsemester”: Gedanken, Gefühle, Geschichten

Und sie sammelten von dem Brot, das in der Wüste lag, einer viel, der andere wenig. Aber als man’s nachmaß, hatte der nicht darüber, der viel gesammelt hatte, und der nicht darunter, der wenig gesammelt hatte. Jeder hatte gesammelt, so viel er zum Essen brauchte. Und Mose sprach zu ihnen: Niemand lasse etwas davon übrig bis zum nächsten Morgen. Aber sie gehorchten Mose nicht. Und etliche ließen davon übrig bis zum nächsten Morgen; da wurde es voller Würmer und stinkend. (2. Mose 16, 17-19)

Das ist die Geschichte davon, wie Gott die Israeliten sättigte, die lieber wieder in die Sklaverei wollten, als in der offenen Unsicherheit zu leben. Was Gott hier gibt: Keinen Überfluss. Keinen Reichtum. Nur genug für heute. Das gleiche für alle. Gewissheit für den jetzigen Tag. Mehr nicht.

Wie ist es mit dem Vertrauen in den morgigen Tag? Kann und will ich auf Vorräte verzichten? Wird es wieder in der Wüste liegen – das Brot? Wird Gott da sein? Wir sind Vorratswirtschaft und Sicherheitsdenken gewöhnt. Und die Unterschiede zwischen denen, die viel, und denen, die wenig haben. Was macht das geistlich mit mir?

#Bibel #Loslassen #Spiritualität

Ein Tag der Ruhe und des Aufarbeitens: Fotos bearbeiten, einen Brief schreiben, etwas über Yorkshire lesen, ein kurzer Gang durchs Viertel, beten, einfach nur sitzen und die letzten Tage erinnern... Warten, was kommt. Die Zeit plätschern lassen. Wie wichtig sind solche Langsamfahrstellen im Leben!

#Loslassen

Hier in Bradford scheint es keine Minderheiten zu geben, einfach nur verschiedene Gruppen: Muslim*innen mit pakistanischem Hintergrund, Hindus und Sikhs mit indischer Familiengeschichte, weiße englische Familien, Menschen mit familiären Wurzeln in Afrika, Irak, Iran, Syrien, Südamerika, Osteuropa... Ein Sprachengemisch aus Urdu, Arabisch, Polnisch, Swaheli, Russisch, Punjabi, Kurdisch, Hindi, Spanisch, Persisch... Und das alles zusammengeführt in einem Englisch von Hochsprache über Dialekt bis hin zu den gebrochenen Sätzen der Zugewanderten, die manchmal die Sprache nach zwei Jahren fließend sprechen und manchmal nach 15 Jahren noch kaum zu verstehen sind, wenn sie sich in Englisch versuchen.

Auch religiös gibt es eine Große Vielfalt. Längst sind Christ*innen nicht mehr die Mehrheit in der Stadt. Verschiedene Kirchen wechseln sich mit Moscheen und mit den Tempeln der Sikh und der Hindus ab. Als eine überregionale kulinarische Spezialität gilt nicht etwa ein traditionell englisches Gericht, sondern das berühmte Bradford Curry.

Ganz bestimmt geht das alles nicht ohne Schwierigkeiten.. Aber für einen Ostdeutschen wie mich ist es eine Welt der Vielfalt, die mehr Selbstverständlichkeit hat, als ich sie jemals erlebt habe. Vielleicht ist es die Zukunft der globalisierten Welt?

PS: Gerade sehe ich im Kino-Programm, dass dort selbstverständlich Filme in Englisch, Tamilisch, Hindi, Punjabi gezeigt werden.

#Gesellschaft

Mich beeindruckt hier in der Church of England u. a. die Kultur der Anerkennung, Wertschätzung und Ermutigung unter den Hauptamtlichen und den Freiwilligen. Es gibt so viele englische Worte, um auszudrücken, wie gut ich etwas finde. Und ich höre diese Worte wieder und wieder. Wie viel Freude ist da, wenn anderen etwas gelungen ist!

Ein Pensionär erzählte mir, dass sich diese Kultur erst in den letzten Jahren entwickelt habe. Als er anfing, sei alles noch viel stärker von Konkurrenz bestimmt gewesen. Erst mit den letzten beiden Generationen junger Kolleg*innen hätte sich das langsam geändert.

Auch an dieser Stelle haben wir immer wieder zu lernen.

Wenn ein großer Moment an die Tür deines Lebens klopft, ist das oft nicht lauter als dein Herzschlag. (Fundstück – Boris Pasternak)

#Entdeckungen #Poesie

“Das wahre Leben besteht aus Liebe, Lachen und Arbeit.” – Fundstück in einem Kirchengemeide-Raum

Email-Tafel

#Entdeckungen #Foto

Bei einem Besuch im Sikh-Tempel habe ich auch am gemeinsamen Essen (Langar) teilgenommen. Jeden Tag wird in den Tempeln der Sikh von Ehrenamtlichen ein sehr einfaches spenden-finanziertes Essen vorbereitet. Jeder und jede kann kommen. In dem Raum hier können geschätzt 400 Leute gleichzeitig essen. So ist der Tempel von vornherein gebaut.

Eine Religion, in der eine tägliche gemeinsame Mahlzeit für alle unabhängig von Stand und Ansehen zum festen Ritual gehört, beeindruckt mich. Es spielt hier keine Rolle, ob du kommst, weil du arm bist und das Essen dir das Leben rettet, ob du Gemeinschaft suchst oder ob du einfach nur gerade unterwegs bist. Du bist willkommen.

#Spiritualität #Gesellschaft

Pupusas sind eine typische Speise in El Salvador. Die habe ich heute beim Besuch einer Familie gegessen. Und ich war beeindruckt. Nicht nur und nicht vor allem vom Essen.

Ich war beeindruckt von der Familie, die 2019 zu Hause in El Salvador alles aufgeben musste. Sie hatten ein Elektro-Geschäft und sind ständig von Banden bedroht worden. Hier in England haben sie mit nichts wieder angefangen und zunächst den Covid-Lockdown erlebt. Sie haben (einigermaßen) die Sprache gelernt, ein Studium abgeschlossen, Arbeit gefunden, die Kinder in der Schule unterstützt. Und bei alldem strahlen sie eine große Lebensfreude aus.

Dass #Menschen bei solchen Erfahrungen soviel JA zum Leben behalten können, das nötigt mir jeden Respekt ab.

Manchmal kommst du von draußen und weißt selbst nicht, dass du hungrig bist. Aber überall im Haus riecht es nach leckerem Essen. Und plötzlich weißt du: 'Essen wäre jetzt wunderbar.' Und du gibst keine Ruhe, bevor du etwas gegessen hast.

Wie wäre es, wenn wir diesen appetitlichen Geruch verbreiten, um bei den Menschen den Hunger nach Sinn im Leben, nach Religiosität, nach Gott zu stärken.

#Spiritualität

Ich habe heute bei einer Art Tafel mitgemacht. Menschen mit zu wenig oder ohne Einkommen zahlten einen kleinen Betrag und bekamen dafür Lebensmittel, die im Supermarkt sehr viel mehr gekostet hätten. Dahinter stehen auch öffentliche Mittel, die es hier allerdings wohl nur noch bis September geben wird.

Ich frage mich immer wieder, was es für die Menschen bedeutet, von solchen Angeboten abhängig zu sein. Und was es für sie heißt, wenn Angebote entstehen, dann aber zurückgefahren werden, weil die Finanzierung befristet ist...

Angebotstisch der Tafel

#Foto #Gesellschaft