Orientierung im Denken: Fünf Prinzipien aus der sokratischen Philosophie
from Michael Gisiger
Sokrates begegnet uns oft als historische Figur – als unbequemer Fragesteller, der in den Gassen Athens über Tugend, Wissen und das gute Leben diskutierte. Doch jenseits seiner biografischen Umrisse und der dramatischen Erzählung seines Prozesses liegt ein philosophisches Denken, das bis heute als Impulsgeber dienen kann: nicht als fertiges System, sondern als Einladung zur Selbstprüfung, zur Klärung von Begriffen – und zur verantwortungsvollen Führung des eigenen Lebens.
Sokrates hat keine Schriften verfasst. Alles, was wir über ihn wissen, stammt aus den Schriften seiner Schüler – insbesondere von Platon. Und doch spricht aus diesen Dialogen eine Stimme, die bis heute erstaunlich klar, manchmal unbequem, oft herausfordernd und nie belehrend ist. In diesem Beitrag möchte ich fünf zentrale Ideen vorstellen, die mir im Laufe der Zeit besonders wertvoll geworden sind – und die Dir vielleicht dabei helfen können, Deine eigenen Fragen an Dein Leben bewusster zu stellen.
1. Die Kunst des Fragens: Denkwerkzeug statt Rhetorik
Sokrates verstand sich nicht als Lehrer, sondern als Gesprächspartner. Seine berühmte Methode, heute als Sokratische Methode bekannt, bestand darin, durch präzises Fragen das Denken des Gegenübers in Bewegung zu bringen. Er selbst verglich sich mit einer Hebamme – jemandem, der dabei hilft, etwas zur Welt zu bringen, das schon im Inneren vorhanden ist (die „Hebammenkunst“ oder Mäeutik).
Ein besonders eindrückliches Beispiel ist die „Zwei-Spalten-Technik“ [Robertson (2025)]: Auf der einen Seite werden Beispiele für „Ungerechtigkeit“ gesammelt, etwa Diebstahl oder Lüge. Danach stellt man sich Situationen vor, in denen diese Handlungen dennoch gerechtfertigt erscheinen – etwa wenn ein Vater seinem Kind Medizin verabreicht, ohne dessen Wissen. Ziel dieser Übung ist es nicht, moralische Urteile aufzuweichen, sondern Begriffe und Zusammenhänge differenzierter zu durchdenken. Sie zeigt, dass Regeln und Definitionen immer kontextabhängig sind – und dass Denken bedeutet, sich nicht mit der ersten Antwort zufriedenzugeben.
Für mich ist diese Methode ein wertvolles Werkzeug geworden – nicht nur im Dialog mit anderen, sondern gerade auch im inneren Gespräch mit mir selbst.
2. Selbstkenntnis: Der Anfang aller Ethik
„Erkenne dich selbst“ („Gnothi seauton“) – so lautet die Inschrift am Apollontempel von Delphi, auf die sich Sokrates immer wieder bezog. Für ihn war Selbstkenntnis nicht bloss eine introspektive Übung, sondern die Voraussetzung dafür, gut zu handeln. Wer nicht weiss, was ihn antreibt, was er fürchtet oder worin er Wert sieht, wird kaum in der Lage sein, kluge Entscheidungen zu treffen.
Sokrates war überzeugt, dass niemand absichtlich das Schlechte tut. Fehlverhalten ist für ihn keine Frage des Charakters, sondern der Unwissenheit. Wer also weiss, was gut ist, wird auch entsprechend handeln. Diese Sichtweise mag idealistisch erscheinen, doch sie stellt eine hohe Anforderung an die Selbstprüfung: Wenn ich mich dabei ertappe, bewusst gegen meine Überzeugung zu handeln, habe ich mich entweder über mich selbst getäuscht – oder meine Überzeugung war weniger fundiert, als ich dachte [Daly (2024)].
Selbsterkenntnis ist kein Zustand, den man einmal erreicht. Sie ist ein Prozess, der Demut verlangt – und die Bereitschaft, sich auch das Unbequeme einzugestehen.
3. Selbstsorge: Ethik als tägliche Übung
Michel Foucault [2011] hat das antike Konzept der „Epimeleia Heautou“ – der Sorge um sich selbst – in seinem Spätwerk ausführlich analysiert. Für ihn ist Sokrates eine Schlüsselfigur dieser Ethik der Selbstführung, die weit über Selbstbeobachtung hinausgeht: Wer andere führen will, muss zuerst sich selbst führen können [Deslandes (2012)].
In der Rekonstruktion dieser Ethik lassen sich vier Phasen erkennen, die auch mir einen hilfreichen Rahmen für persönliches Wachstum bieten:
- Selbst-Erweckung meint das bewusste Wahrnehmen der eigenen moralischen Verantwortung. Es geht darum, innezuhalten, sich selbst in den Blick zu nehmen und sich nicht länger als passives Subjekt äusserer Umstände zu verstehen, sondern als jemand, der sich bewusst auf den Weg macht.
- Selbst-Evaluierung folgt als kritische Selbstprüfung. In dieser Phase tritt man einen Schritt zurück, unterscheidet zwischen äusseren Anforderungen und innerer Haltung, reflektiert das eigene Denken und Handeln – und erkennt dabei, wo Klarheit fehlt oder blinde Flecken bestehen.
- Selbst-Transformation beschreibt die aktive Arbeit an der eigenen Haltung. Es geht nicht um Idealbilder oder Selbstoptimierung, sondern um gezielte Veränderung – durch Übung, durch Selbstdisziplin, durch das Bemühen, sich nicht von Affekten oder Konventionen treiben zu lassen.
- Selbst-Präsentation schliesslich heisst, das eigene Denken und Handeln in Übereinstimmung zu bringen. Die Wahrheit über sich selbst auch im Aussen zu vertreten – ohne Maske, ohne Pose. Wahrhaftigkeit statt Wirkung. Oder, in sokratischer Tradition: gelebte Kohärenz.
Sokrates ging es dabei nie um Selbstverwirklichung im modernen Sinn, sondern um Selbstbeherrschung, Wahrhaftigkeit und den Mut, sich der eigenen Unzulänglichkeit zu stellen. In einer Welt voller Performanzdruck erscheint mir dieser Zugang zur Selbstsorge fast radikal: still, diszipliniert, tief. [Deslandes (2012)]
4. Perspektivwechsel: Denken heisst Alternativen erkennen
Einer der faszinierendsten Aspekte in der Praxis des Sokrates war seine Fähigkeit, die Sichtweisen anderer ernst zu nehmen – und sie gleichzeitig infrage zu stellen. Wenn sich jemand über eine Kränkung oder ein Unglück beklagte, fragte er: Könnte man das auch anders sehen?
Was zunächst simpel klingt, ist in Wahrheit anspruchsvoll: Es verlangt, die eigenen Gedanken nicht als Tatsachen zu behandeln, sondern als Hypothesen. In der modernen Psychologie spricht man von cognitive defusion. Sokrates kannte diesen Begriff nicht, aber er lebte die Praxis: Gedanken beobachten, statt sich mit ihnen zu identifizieren. [Robertson (2025)]
Diese Fähigkeit, die eigene Perspektive zu relativieren, hat mich persönlich immer wieder vor voreiligen Schlüssen bewahrt. Sie eröffnet Spielräume – emotional, kognitiv und ethisch. Und sie erinnert mich daran, dass es selten nur eine Wahrheit gibt.
5. Lernen als Lebensform: Keine Antworten ohne Bewegung
Sokrates betrachtete sich selbst als Lernenden. Für ihn war #Philosophie kein Besitz von Wissen, sondern die Haltung, sich nicht mit dem Erstbesten zufriedenzugeben. „Ein unerforschtes Leben ist nicht lebenswert“, lautet sein wohl berühmtester Satz – und zugleich sein Anspruch an sich selbst [Demirci (2012)].
Wissen ist für Sokrates nichts Statisches. Es ist ein „Wissen wie“, ein Handlungswissen, das durch Erfahrung, Gespräch und Selbstprüfung entsteht. Nicholas D. Smith beschreibt dieses Verständnis als craft knowledge – eine Fähigkeit, die sich graduell entwickelt und nie vollendet ist [Smith (2021)].
Fatih Demirci bezeichnet Sokrates in seinem Beitrag zur bildungsphilosophischen Forschung als den „Propheten des lebenslangen Lernens“ [Demirci (2012)]. Er zeigt, wie Sokrates in einer Zeit materialistischer Weltbilder und mythischer Traditionen den Menschen in den Mittelpunkt rückte – nicht als fertiges Wesen, sondern als entwicklungsfähiges, von Natur aus unvollkommenes Lebewesen. Für Sokrates liegt in dieser Unvollkommenheit keine Schwäche, sondern die Grundlage eines nie abgeschlossenen Bildungsprozesses. #Lernen bedeutet für ihn nicht, ein Ziel zu erreichen, sondern sich kontinuierlich mit der Frage auseinanderzusetzen, wie man gut lebt.
In diesem Sinne ist #Bildung für Sokrates nicht die Anhäufung von Wissen, sondern die Pflege einer Haltung: die Bereitschaft, zu fragen, zu zweifeln, neu zu denken – bis zuletzt. Dieses Verständnis entspricht einem humanistisch geprägten Bildungsbegriff, der Lernen als existenzielle Praxis versteht, nicht als berufliche Massnahme. Sokrates’ Bild vom philosophierenden Menschen als jemandem, der sich auf einen offenen Lernprozess einlässt, ohne Garantie auf endgültige Antworten, ist damit aktueller denn je.
Diese Sichtweise hat mich persönlich befreit: Ich muss nicht alles wissen. Aber ich kann üben, klüger zu werden – mit Neugier, Selbstkritik und Geduld. Lernen ist keine Pflicht, sondern eine Lebensform. Und Sokrates ist nicht ihr Lehrmeister – aber ihr glaubwürdigster Begleiter.
Fazit: Was bleibt
Wenn ich auf die Begegnung mit Sokrates zurückblicke – über Bücher, Gedanken, Gespräche –, dann sehe ich kein fertiges System, keine Lehre, die man anwenden könnte wie ein Rezept. Was bleibt, ist eher eine Haltung: das Staunen über das Offene, die Freude am Denken, die Verantwortung, die daraus erwächst.
Sokrates fordert nicht Perfektion, sondern Bereitschaft: zum Hören, zum Fragen, zum Zweifel. Und zur Annahme, dass wir in diesem Leben vielleicht nicht zur Wahrheit gelangen – aber besser leben, wenn wir sie suchen.
Empfehlungen für die Praxis
- Stelle Fragen – auch an Dich selbst. Nutze zum Beispiel die Zwei-Spalten-Technik, um Begriffe oder Entscheidungen differenzierter zu betrachten.
- Nimm Dir regelmässig Zeit für Selbstprüfung. Was hast Du getan? Was gedacht? Was bewegt? Notiere es – nicht zur Kontrolle, sondern zur Klärung.
- Übe Perspektivwechsel. Wenn ein Gedanke Dich festhält, frage: Könnte man das auch anders sehen?
- Lies nicht nur, sprich darüber. Philosophische Gespräche mit Freunden – ohne Ziel, aber mit Aufmerksamkeit – können neue Einsichten bringen.
- Akzeptiere das Unvollständige. Du musst nicht „ankommen“. Aber Du kannst unterwegs sein – wach, fragend, lernend.
Wenn Du magst, begleite mich auf diesem Weg weiter. Denn was wir brauchen, ist vielleicht weniger ein neuer Ratgeber – und mehr ein Gespräch. Sokrates hätte das verstanden.
Quellenverzeichnis
Demirci, Fatih (2012). Socrates: The Prophet of Life-Long Learning. In: Procedia – Social and Behavioral Sciences, 46, 4481–4486.
https://doi.org/10.1016/j.sbspro.2012.06.281
Deslandes, Ghislain (2012). The Care-of-Self Ethic with Continual Reference to Socrates: Towards Ethical Self-Management. In: Business Ethics: A European Review, 21(4), 325–332.
https://doi.org/10.1111/beer.12003
Daly, Brian (2024). Why Did Socrates Focus on Self-Knowledge and Introspection?
Verfügbar unter: https://www.thecollector.com/why-did-socrates-focus-on-self-knowledge/
Foucault, Michel (2011). Der Mut zur Wahrheit. Die Regierung des Selbst und der anderen, II. Vorlesungen am Collège de France 1983/84. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Robertson, Donald (2025). 5 Ancient Habits from Socrates to Help You Think More Adaptively. Next Big Idea Club / Fast Company.
Verfügbar unter: https://www.fastcompany.com/90684462/5-ancient-habits-from-socrates-to-help-you-think-more-adaptively
Smith, Nicholas D. (2021). Socrates on Self-Improvement: Knowledge, Virtue, and Happiness. Cambridge: Cambridge University Press.
Bildquellen 1. Jean-Léon Gérôme (1824–1904): Socrates Seeking Alcibiades in the House of Aspasia, Privatsammlung, Dallas, Public Domain. 2. Jacques-Louis David (1748–1825): Der Tod des Sokrates, Metropolitan Museum of Art, New York, Public Domain.
Disclaimer Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet.
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