Pigasus das Schwein und die Chicago Seven
Stehen sieben Linksaktivsten vor Gericht. Einer wird kokainsüchtig, einer Börsenmakler, einer wird Abgeordneter, einer Anhänger eines Gurus, einer christlicher Pazifist und zwei werden Professoren.
Was klingt wie ein Witz ist ganz kurz zusammengerafft die Geschichte der Chicago Seven, die sich 1969 bis 1970 vor einem US-Gericht verantworten mussten. Fünf der Angeklagten wurden 1970 zunächst wegen Anstiftung zum Aufruhr zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. 1972 hob ein Bundesberufungsgericht alle Verurteilungen auf.
Ihr Vebrechen? Während des Parteitags der Demokraten (Democratic National Convention) 1968 in Chicago hatten ein Schwein für die US-Präsidentschaftwnominiert.

Sie alle waren Yippies, Mitglieder der Youth International Party (YIP), einer radikalen, antiautoritären und stark medienorientierten Protestgruppe, die in den späten 1960er Jahren in den USA entstand. Sie stellten eine politisierte Abspaltung der Hippie-Bewegung dar und verbanden deren alternative Lebensweise mit dem politischen Aktivismus der „Neuen Linken“ (New Left).
Die Aktion endete in massiven Polizeieinsätzen, Unruhen und dem berühmten Prozess gegen die Chicago Seven.
Das Schicksal das Schweins ist unbekannt. Die offizielle Version: Die Polizei übergab das Schwein an die Anti-Cruelty Society – den örtlichen Tierschutzverein. Von dort soll es auf eine Farm in Illinois gebracht worden sein. Die Yippies dagegen behaupteten später genüsslich, aber ohne Beweise, dass die Chicagoer Polizisten den Präsidentschaftskandidaten kurzerhand geschlachtet und aufgegessen hätten.
Das Schicksal der Chicago Seven wiederum spiegeln perfekt die Zerrissenheit und die unterschiedlichen Abzweigungen der 68er-Generation wider.
Abbie Hoffman blieb ein radikaler Aktivist. In den 1970er Jahren wurde er wegen Kokainhandels angeklagt, tauchte unter und lebte jahrelang unter falschem Namen (als Umweltaktivist „Barry Freed“). Er stellte sich 1980 und verbüßte eine kurze Strafe. Hoffman litt stark unter einer bipolaren Störung und nahm sich 1989 im Alter von 52 Jahren das Leben.
Jerry Rubin wandelte sich in den 1980er Jahren vom Yippie zum Yuppie. Er schnitt sich die Haare ab, arbeitete als Börsenmakler an der Wall Street und organisierte Networking-Partys für Geschäftsleute. Durch ein frühzeitiges Investment in Apple-Aktien wurde er zum Multimillionär. Er starb 1994, als er in Los Angeles beim Überqueren einer Straße von einem Auto angefahren wurde.

Jerry Rubin vor seiner Verwandlung in einen Yuppie 1970
Tom Hayden, der Intellektuelle der Gruppe, ging in die etablierte Politik. Er saß fast zwei Jahrzehnte lang als Demokrat im Parlament von Kalifornien und prägte dort zahlreiche Gesetze. Bekannt wurde er auch durch seine 17-jährige Ehe mit der Schauspielerin Jane Fonda. Hayden starb 2016 im Alter von 76 Jahren.
Rennie Davis wandte sich der Spiritualität zu und wurde in den 1970er Jahren ein prominenter Anhänger des jungen indischen Gurus Maharaj Ji. Später arbeitete er als Unternehmensberater und Risikokapitalgeber. Er starb 2021.
David Dellinger, der Älteste der Gruppe, war ein zeitlebens überzeugter christlicher Pazifist. Er blieb seinen Prinzipien treu, protestierte bis ins hohe Alter (unter anderem gegen Freihandelsabkommen) und starb 2004 im Alter von 88 Jahren.
John Froines & Lee Weiner, die im Prozess von vornherein freigesprochen wurden, gingen in die Wissenschaft. Froines wurde ein hochangesehener Professor für Chemie und Toxikologie an der UCLA (gestorben 2022). Weiner arbeitete an Universitäten, für Non-Profit-Organisationen und veröffentlichte 2020 seine Memoiren.
Ursprünglich waren die Chicago Seven acht.

Bobby Seale, 1968
Die Nummer acht: Bobby Seale, der Mitbegründer der Black Panther Party. Er kannte die anderen Angeklagten kaum und war 1968 nur für knapp zwei Tage in Chicago gewesen, um spontan als Ersatzredner bei einem Protest aufzutreten. Trotzdem warf man ihn mit den anderen in einen Topf und klagte ihn wegen „Verschwörung“ an.
Zu Beginn des Prozesses 1969 lag Seales Anwalt nach einer Operation im Krankenhaus. Der extrem konservative Richter Julius Hoffman weigerte sich strikt, den Prozess zu verschieben. Er verbot Seale auch, sich selbst zu verteidigen.
Seale ließ sich das nicht gefallen. Er bestand lautstark auf seinen verfassungsmäßigen Rechten. Immer wieder stand er auf, unterbrach das Verfahren und nannte den Richter unter anderem einen Rassisten und Faschisten.
Der Richter ließ Seale von Justizbeamten im Gerichtssaal an einen Stuhl fesseln und ihm den Mund zukleben. Mehrere Tage lang saß Seale buchstäblich geknebelt im Saal – ein Bild, das weltweit für Entsetzen sorgte und für viele die rassistische Realität der US-Justiz der damaligen Zeit entlarvte.
Da das Verfahren mit einem gefesselten Angeklagten völlig aus dem Ruder lief und zu einem PR-Desaster für die Justiz wurde, trennte Richter Hoffman Seales Fall schließlich ab. So wurden aus den acht die Chicago Seven.
Seale wurde allein wegen Missachtung des Gerichts zu vier Jahren Haft verurteilt, was jedoch später – wie die Urteile der anderen – aufgehoben wurde. Später wandte er von der radikalen Politik ab, arbeitete in der Jugendförderung und veröffentlichte sogar ein Barbecue-Kochbuch.
Bobby Seale lebt bis heute. Er arbeitet als Dozent, Moderator und Fernsehkoch.