Warum gleiten die USA in Richtung Autoritarismus ab?
Das Bedürfnis in Europa den aktuellen Wahnsinn, der sich in den USA vollzieht, in etwas Erklärbares zu fassen, ist groß. Immerhin findet die Verschiebung in Richtung Autoritarismus in einer der ältesten Demokratien der Welt statt und dem kulturellen Fixpunkt der westlichen Welt für die vergangenen über 100 Jahre. Die USA sind mit riesigem Abstand die größte Militärmacht der Erde mit einem Militärbudget, das die Budgets der acht nachfolgenden Staaten übersteigt und Donald Trump will es noch einmal verdoppeln – auch wenn das fiskalisch derzeit unrealistisch ist.
Donald Trump kommt aus dem Entertainment und so regiert er auch. Er ist eine Hochleistungs-Bullshit-Maschine, ein offensichtlicher Narzisst und atemloser Hetzer gegen alles, was sich ihm entgegenstellt. Es ist daher leicht sich in der täglichen Ankündigungs-Maschinerie des White House zu verlieren, die großen und kleinen Nebelkerzen, die Geschmacklosigkeiten, die ständige Hetze gegen Medien und Opposition und die vielen kleinen Nachrichten, die den Übergang von einer funktionierenden Demokratie und einem Rechtsstaat in Richtung Autoritarismus markieren.
Bei der Analyse, was sich hier langfristig verschiebt, sind die Stakkato-Aufreger im Twitter-Stil nicht hilfreich. Stattdessen ist es hilfreich aus dem tagesaktuellen Wahnsinn herauszuzoomen. Nüchtern betrachtet gibt es eine klare Hauptursache dafür, warum faschistoide Ideen in einer der ältesten und wohlhabendsten Demokratien der Welt für einen großen Teil der Bevölkerung plötzlich so attraktiv geworden sind: die Abstiegsangst einer Nation inmitten des Übergangs von der unipolaren Ära (US-Dominanz) in Richtung einer asymmetrischen Bipolarität zwischen den USA und China.
All das Geschrei, das um sich schlagen, die verstörende Verhaftung in der angeblich goldenen Vergangenheit der MAGA-Bewegung ist im Grunde das: Angst vor dem Ende einer Ära, in der die USA die einzige noch verbliebene Supermacht der Erde war und damit nicht nur militärisch, sondern auch wirtschaftlich, kulturell und politisch den Ton angab.
Dass Trumps Umsichschlagen sogar in Richtung historisch verbündeter Staaten in Europa sowie Kanada den Westen und die Nato de facto geteilt hat und diesen Abstieg noch beschleunigt, ist natürlich der dazu passende Treppenwitz der Geschichte.
Die Thukydides-Falle
Die systemische Rivalität zwischen den USA und China ist die zentrale Achse, die wir betrachten müssen, um weitere weltpolitische Entwickling einzuordnen. Laut der Power Transition Theory ist die Phase, in der ein Herausforderer (China) 80 bis 120 Prozent der Kapazität des Hegemons (USA) erreicht, die gefährlichste. In den kommenden zehn Jahren wird China mit strukturellen Problemen (Demografie, Schulden) kämpfen, was ein „Window of Opportunity“ für riskante Außenpolitik (Taiwan) schließen könnte. Das erhöht der Theorie zufolge die Gefahr eines Angriffs Chinas auf Taiwan paradoxerweise noch. Harvard-Politikwissenschaftler Graham T. Allison beschreibt das als Thukydides-Falle.
Die Theorie: Wenn eine aufstrebende Macht droht, eine etablierte Führungsmacht zu verdrängen, führt die resultierende geoplitische Spannung häufig zu einem Krieg. Der Name geht auf den antiken griechischen Historiker Thukydides zurück, der über den Peloponnesischen Krieg (431–404 v. Chr.) schrieb: „Es war der Aufstieg Athens und die damit verbundene Furcht Spartas, die den Krieg unvermeidlich machten.“
Graham Allison und sein Team am Belfer Center haben 16 historische Fälle der letzten 500 Jahre untersucht, in denen ein „Emporkömmling“ eine etablierte Macht herausforderte.
Graham Allison identifizierte insgesamt 16 solcher Konstellationen in den vergangenen 500 Jahren. Davon endeten zwölf in einem Krieg und nur vier friedlich.

Quelle: Belfer Center for Science and International Affairs.
Multi-Alignment-Staaten als Gewinner der bipolaren Welt
Eine zentrale Rolle bei der weiteren gepolitischen Entwicklung werden die Mittelmächte wie Indien, Brasilien, die Türkei, Indonesien und Saudi-Arabien spielen, weil sie vermutlich nicht festen Blöcken beitreten. Sie betreiben „Multi-Alignment“, um von beiden Seiten Konzessionen zu erhalten. Das internationale System wird dadurch volatiler, aber auch weniger starr als im Kalten Krieg.
Besonders Indien hat als aufstrebendes Schwellenland, das keinem der beiden Machtblöcke eindeutig zuzuordnen ist, gute Aussichten. Während China mit massiver Überalterung und damit einer schrumpfenden Erwerbsbevölkerung zu kämpfen hat, verfügt Indien über eine „demografische Dividende“: ein junges Reservoir in der Bevölkerung. Der Aufstieg zur drittgrößten Volkswirtschaft steht bevor und Indien erscheint als ein unverzichtbaren Partner des Westens. Dabei werden die Multi-Alignment-Staaten wie Indien aber höchstwahrscheinlich keine verlässlichen Partner, sondern „Transactionalist Powers“, die opportunistisch agieren.
Europa wiederum kämpft mit Fachkräftemangel, hohe Rentenlasten und dadurch internen Verteilungskämpfen, die den globalen Machtanspruch dämpfen. Zudem wird das starkes Bevölkerungswachstum in Subsarah-Afrika bei geringem Wirtschaftswachstum weiterhin für Migrationsdurck in Richtung Europa sorgen.
Techno-Geopolitik
Ein Schlachtfeld, auf dem die Systemkonkurrenz zwischen China und den USA ausgetragen wird, ist natürlich das Feld er Technologie und künstlichen Intelligenz. Das Internet wird sich weiter in das „Splinternet“ aufteilen. Staaten werden zunehmend auf souveräne IT setzen – eigene Hardware- und Software-Infrastrukturen, um die Abhängigkeit von US- oder chinesischen Ökosystemen zu verringern. Auch hier hat Trump aus Angst vor dem Abstieg die Abnabelung Europas von den US-Systemen angestoßen und damit den Übergang in die asymmetrischen Bipolarität noch einmal beschleunigt.
Bei der Integration von KI in militärische Führungssysteme (Command and Control) besteht das Risiko eines neuen Typs von Sicherheitsdilemma, bei dem Staaten aus Angst vor der Geschwindigkeit feindlicher KI-Entscheidungen ihre eigenen Systeme zunehmend automatisieren – eine Neuauflage der Dynamik der nuklearen Abschreckung.
Der Niedergang der Petrostaaten wie Russland
Die Dekarbonisierung der Wirtschaft wird weitergehen – mit oder ohne die USA. Dafür ist sie ökonomisch einfach zu lohnend. Alte geopolitischen Abhängigkeiten in Richtung Russland und der arabischen Welt werden dadurch langsam gelöst, neue werden aufgebaut.
Die Abhängigkeit von Lithium, Kobalt und Seltenen Erden – derzeit dominiert von China – wird die Öl-Abhängigkeit schrittweise ablösen. Das könnte zu einer Neuauflage des Wettlauf um Afrika und und verstärkten Aktivitäten in Lateinamerika führen.
Staaten wie Russland oder Iran, die stark von fossilen Exporten abhängen, werden dagegen einen weiteren relativen Machtverlust erleben. Dies könnte zu destabilisierenden „Last-Ditch“-Versuchen führen, regionalen Einfluss durch militärische Mittel zu sichern, solange die Ressourcenkassen noch gefüllt sind. Gerade Russland werden nach dem kräftezehrenden Ukraine-Krieg dafür aber vermutlich die Ressourcen fehlen.
Schon zuletzt musste Russland dem Sturz des verbündeten Regimes in Syrien tatenlos zuschauen, der Verbündete Präsident Nicolás Maduro wurde in Venezuela ohne jede Gegenwehr Russlands gestürzt und als regionale Schutzmacht Armeniens versagte Russland vollends. Nach dem ausbleibenden Beistand Russlands im Konflikt um Bergkarabach (2023) fror Armenien seine Mitgliedschaft im Verteidigungsbündnis OVKS ein. Wo Russland als Schutzmacht ausfällt, entsteht ein Machtvakuum, das entweder von regionalen Kräften wie der Türkei in Syrien oder dem Westen gefüllt wird.
Die langjährige Premierministerin von Bangladesch, Sheikh Hasina, die bedeutende Energie- und Infrastrukturprojekte mit Russland vorantrieb, wurde nach Massenprotesten gestürzt. Und in Sri Lanka musste die pro-russisch und pro-chinesisch orientierte Rajapaksa-Familie nach einem wirtschaftlichen Kollaps und Protesten das Land verlassen. Mit dem massiven Protesten im Iran und einem möglicherweise bevorstehenden Eingreifen der USA könnte Russland nächste geopolitische Niederlage bevorstehen.
Fazit
Das hektische und erratische Agieren Donald Trumps und die Zertrümmerung jahrzehntelanger Allianzen werden das Vertrauen in die USA für Jahrzehnte beschädigen – selbst wenn die MAGA-Republikaner ihre Machtbasis wieder verlieren. Einem Land, das einen unberechenbaren Narzissten mit autoritären Tendenzen wie Trump zum Präsidenten wählt, wird es auf Jahrzehnte schwer haben wieder Vertrauen in den gefestigten Demokratien Europas, Kanadas und anderer Staaten wie Japan aufzubauen.
Trump verspricht die Rückkehr zur Unipolarität („MAGA“), beschleunigt aber durch seinen Isolationismus de facto die Bipolarität.
Die kommenden zehn Jahre sind daher vermutlich leider keine Ära der Kooperation zur Lösung globaler Probleme wie der Klimakrise und Pandemien, sondern eine Ära des Risikomanagements. Macht wird zunehmend durch technologische Autarkie und die Resilienz der eigenen Lieferketten definiert, weniger durch internationale Verträge.