Susanne Glietsch sieht uns in in der Kirche in einer tiefen geistlichen Krise. Sie macht dafür die übliche Vorstellung Gott als einem “einzelnen Seienden neben anderem Seienden” verantwortlich. “Der 'Alpha-Gott triumphaler Macht und metaphysischer Gewissheit' (Kearney) sind weder gedanklich noch existentiell länger überzeugend.” Einen solchen Gott gibt es wirklich nicht, war schon Karl Rahner vor vierzig Jahren klar.
Glietsch plädiert dafür, Gott stärker in der Beziehung und in göttlicher Gegenwart im Universum zu denken. #MeisterEckhart ist für sie ein Beispiel, Gott in der Wirklichkeit zu denken und zu erfahren.
Das Göttliche kommt in mir zur Welt. Es bestimmt meine Wesenheit oder es ist nicht.
Anmutige Konturen Der aus der Tiefe dämmernden Naturen, Die zwischen Licht und Nächten Des Himmels Abglanz sich erobern möchten Und die Gestirne überfunkeln, Mit ihren schönen Blumen, die verdunkeln, Eh´ sie noch kaum erglühten, Ein ird'scher Himmel schnell verwehter Blüten, Kampfplatz der Elemente, Ihr luft- und flutumspülten Berggelände, Wo durch der Lüfte Wellen Der Vögel Barken bunte Segel schwellen, Der Fische stumm´ Gewimmel Glückselig schwebt in meeresblauem Himmel, Wo zuckende Wetterstrahlen Mit Zornesfeuer ernste Warnung malen Und auf den waldumkränzten Bergeszinnen, Als Herrn des Reiches, Tier' und Menschen sinnen; Du rastlos Ungeheuer Aus Erde, Wasser, Luft und Feuer, In ew'gen Wandelungen Des Universums Werkstatt kühn entrungen, Ein Wunder, wie kein zweites noch die Himmel kennen Und um mit einem Worte dich zu nennen: Du, Welt! die, wie das Lied vom Phönix singet, Stets aus der eignen Asche sich verjünget!
(Pedro Calderón de la Marca)
Es ist eine gute Frage, welche Erkenntnis uns weiter bringt: die aus den Büchern und Experimenten oder die aus dem eigenen Geiste...
Der Geist kann nur spekulieren, ahnen und Schlüsse ziehen. Er berühert, was sich nicht anfassen lässt. Er stellt Fragen, die nicht schon vom Ziele eingeengt sind. Das Experiment hingegen hält sich zugute, dass es in der fassbaren Wirklichkeit gegründet ist und sie gründet für unsere Gedanken und unser Tun.
Manchmal macht das Experiment Dinge aussprechbar, fassbar, umsetzbar. Es bringt uns dem Ziel näher. Der Geist beschreibt nur eine mögliche Wirklichkeit. Dafür kann er über das Fassbare hinausgehen. Er bringt uns dem Grund näher.
#JacobBöhme ist schwer zu lesen, ehrlich. Aber hier, wo er von der himmlischen Liebe spricht, da wird es reine Poesie und Literatur. Da übernimmt das Herz, das jauchzt, und nicht der Verstand, der versucht zu verstehen:
“Und wenn dann die süße, lichte Liebe-Kraft zu ihnen kommt, dass sie davon kosten und ihr Leben kriegen, ach da ist ein freundlich Benevenieren und Triumphieren, ein freundlich Willkommen und große Liebe, gar ein freundlich und holdselig Küssen und Wohlschmecken.
Da küsset der Bräutigam die Braut: O Holdseligkeit und große Liebe, wie süße bist du, wie freundlich bist du, wie lieblich ist doch dein Geschmack, wie sanft reuchst du doch! Ach, edles Licht und Klarheit, wer kann deine Schönheit ermessen, wie zierlich ist deine Liebe, wie schön sind deine Farben! Ach und ewiglich, wer kann das aussprechen oder was schreibe ich doch, der ich doch nur stammele wie ein Kind, das da lernt reden.“
“O du blinder Mensch, wie spottet der Teufel deiner! Ach, warum betrübst du den Himmel? Meinest du, du wirst nicht genug haben in dieser Welt? O blinder Mensch, ist doch Himmel und Erde dein, dazu Gott selber. Was bringest du in diese Welt oder was nimmst du mit? Ein Engelskleid bringest du in diese Welt und machest in deinem bösen Leben eine Teufelslarve daraus.“ #JacobBöhme
Das Herbe, das Bittere, das Süße, die Hitze in mir. Der scharfe Verstand, das wallende Gefühl, die Stille und Ruhe, die Bewegung. Verständnis und Widerspruch. Altes aufnehmen und Neues schaffen. Jubeln und klagen. Hoffen und bangen. Geben und nehmen.
Der #Mensch lebt nur in der Balance gut. Nun ist es aber so, dass ich nicht jederzeit ausgeglichen sein kann und will. Manchmal soll der Widerstand die Vormacht haben, manchmal die Dankbarkeit und Zustimmung. Mal die Meditation, mal die Ausgelassenheit. Heute die Ruhe, morgen die Bewegung. Jetzt das Geplante und Wohlüberlegte, nachher das Spontane.
In der Themenzentrieten Interaktion (#TZI) gibt es das Konzept der Dynamischen Balance. Das heißt, dass die Ausgeglichenheit nicht zu jedem Zeitpunkt da sein kann und soll. Wohl aber tut es gut, immer wieder zu schauen, welche Seite ich stark machen muss und will, damit keine Übermacht im Ganzen gibt, die mich zerstört.
Leben in dynamischer Balance – das könnte ein Konzept glücklichen Lebens sein.
“Was der Mensch liebt, das wird er in der Liebe. Das klingt verwunderlich, dass der Mensch in solcher Weise Gott zu werden vermag in der Liebe; jedoch ist es wahr in der ewigen Wahrheit.“ So sagt #MeisterEckhart mit Verweis auf Augustinus.
Es kommt nur darauf an, was du liebst. Willst du göttlich werden, so musst du ganz zur Liebe zu Gott werden. Dann, so der Meister wird uns Gott zu eigen und der #Mensch kann ganz aus Gott wirken.
Jacob Biazza hat in der SZ geschrieben: “Es gibt Untersuchungen, denen zufolge die Zukunft für die Identität eines Menschen etwa genauso wichtig ist wie seine Vergangenheit. Vorstellungen davon, was man sein könnte, beeinflussen das Selbstverständnis also ebenso wie das, was man tatsächlich erlebt hat. Man wird zu dem, was man denkt.” Und er hat geschrieben, dass es Geschichten braucht von einer positiven Zukunft, um der persönlichen und gesellschaftlichen Depression zu entgehen.
Diese Geschichten haben wir doch in der Kirche. Der Glaube ist doch genau das: Die Geschichte einer positiven Zukunft. Einer Zukunft, auf die wir nicht mal warten warten müssen. Die auf uns zukommt. Die manchmal schon da ist. Einer Geschichte vom Heil.
So werden wir es singen, heute, am Zweiten #Advent: “O Heiland reiß die Himmel auf!” Und ich sehe den Himmel offen. Und ich sehe eine Zukunft anbrechen, in der Gott seine Hütte bei den Menschen hat, wie es die Bibel sagt. In der Poitiker nicht mehr mit Angst punkten, in der wir im Grünen sitzen und nicht zwischen Autos. In der ich dir gern begegne... Lasst uns diese Geschichten erzählen!
Mir gefällt das Bild, der Sohn Gottes sei der Glanz oder das Herz Gottes. Wenn es Gottes Herz ist — sein Innerstes — was #Gott zu Weihnachten in die Welt schickt und im Osterfestkreis bis ins Todesreich gehen und wieder auferstehen lässt, dann ist uns Gott doch besonders nah. In allen Freuden, vor allem aber im Leiden.
Für #MeisterEckhart ist ganz klar: Wenn du dich #Gott überlässt, so ist alles, was dir geschieht das beste für dich, sei es Armut und Leiden. Auch wenn du keine Innerlichkeit und Andacht fühlst: Es ist das beste, denn es ist dir von Gott zugedacht. “Mag es auch sein, dass doch etwas anderes besser scheine, so wäre es für dich doch nicht so gut; denn Gott will eben diese Weise und nicht eine andere, und diese Weise muß notwendig für dich die beste Weise sein.“
Ich kämfe damit.
Einerseits: Ja, der Friede kommt damit, dass ich mich fallen lasse in das Göttliche und nicht zage mit dem, was ist.
Andererseits: Soll ich mich wirklich abfinden mit all dem Leiden? Mit der Ungerechtigkeit? Ist innerer Friede wirklich genug? Sicher nicht.
Ich will Allmacht Gottes nicht so verstehen, als sei alles, was ist, der Wille Gottes. Dazu ist viel zu viel, was der Liebe widerstrebt...