WegStücke

Bewegungen zwischen Armenien und Georgien

Problemlos zum Flughafen. Pünktlicher Flug. Gepäck kommt schnell. Der Zug nach Hause läuft auch ohne Komplikationen. Von meinem Quartier in Tbilissi bis vor die Haustür sind es ziemlich genau 10,5 Stunden. Da will ich nicht meckern...

Ich bin dankbar für das, was hinter mir liegt. Dafür, dass alles ohne Probleme, Unfälle, Krankheiten, ... ablief. Und ich bin dankbar für die vielen Eindrücke, von denen hier nur ein winziger Ausschnitt seinen Niederschlag gefunden hat. Ich bin dankbar für die Zeit, die ich hatte, und für mein Leben, das mir so etwas gelegentlich ermöglicht.

Jetzt werde ich mich zu Hause langsam wieder einfädeln. Bevor die Arbeit wieder losgeht, bleiben noch zwei Tage zum Ankommen und einer für die Geburtstagsfeier einer Freundin. Die Erinnerungen der letzten vier Wochen nehme ich mit in die (hoffentlich noch) Jahre, die mir zum Leben bleiben.

Beim Gang durch die Innenstadt von Tbilissi wünsche ich mir, es sei 100 Jahre früher. Ich stelle mir vor, dass es viel weniger Auto-Lärm gab. Vor allem aber waren all die schönen Häuser vom Ende des 19. Jahrhunderts und besonders die Jugendstil-Häuser wohl noch im intakten und unverfälschten Zustand. Ich liebe ja lost places (und ein bisschen auch die maroden Stadtviertel), aber manches Haus lässt mich innerlich weinen, wenn ich mir vorstelle, wie die Deckenmalerei mal ausgesehen haben mag. Oder der Stuck. Oder der Marmor im Treppenhaus. Oder der Innenhof.

70 Jahre Sowjetunion sind nicht wieder gut zu machen, oder?

Treppenhaus in Tbilissi Bemalte Decke im Hausflur

(PS: In Riga habe ich das vor zwei Jahren ganz anders erlebt.)

#Fotos

Weils so schön ist, hier noch ein paar Fotos von Tbilissi, jenseits klassischer touristischer Pfade.

Funfact: Ich habe in einem der Wohnblocks den Aufzug benutzt. Der funktionierte nur, wenn man 0,20 GEL (ca. 7 Cent) einwarf.

Wohnblocks in Tbilissi "Skybridge" in Tbilissi
"Skybridge" in Tbilissi

#Fotos

Das Stadtzentrum von Tbilissi ist wirklich wunderschön. Kleine Gassen, alte Häuser mit schönen Balkons, alte Kirchen, prachtvolle Alleen, nette Park-Anlagen, große Museen, Badehäuser mit vielen Kuppeln, tolle Blicke vom Hang, der Fluss...

Allerdings ist inzwischen auch hier die ganze Infrastruktur auf Tourist*innen ausgerichtet. Ich gehe an langen Reihen von Restaurants vorbei, an denen ich auf die Speisekarten verwiesen werde. Souvenir-Shops reihen sich aneinander. Guides bieten ihre Dienste an. Ich kann aus vielen Tagestouren wählen, die mir auf 100 m bestimmt 8x angeboten werden...

Da ist es für mich eher erholsam, auch mal mit der Metro an die Ränder zu fahren. Tbilissi hat prachtvolle Beispiele von Bauten des Brutalismus – jenes Beton-Baustils der 50er bis 80er Jahre des letzten Jahrhunderts. Besonders beeindruckt hat mich dabei das Gebäude, in dem heute die Bank of Georgia ihre Zentrale hat. Es wurde 1975 als Verwaltungsgebäude gebaut. Die Baukörper sind so “gestapelt”, dass die Landschaft praktisch ungehindert einbezogen ist.

Touristen habe ich hier nicht getroffen. Dafür Geschäfte mit Dingen, die man alltäglich braucht und einfache Gaststätten, in denen Menschen aus Tbilissi sitzen.

Gebände der Bank of Georgia

Stadtviertel im Norden von Tbilissi Neubauten im Norden von Tbilissi

#Fotos

Wenn du im Internet den richtigen Kanälen folgst (z. B. AmiW auf Mastodon), kannst du StreetArt aus aller Welt finden. Künstler*innen, die Wände gestalten – angefangen mit kleinen Figuren, die sich frech an den jeweiligen Ort drängeln, bis hin zu riesigen Wandbildern.

Ich liebe diese Outdoor-Kunst. Besonders schön ist es immer wieder, sie selbst zu finden – so wie dieses gewaltige und, wie ich finde, besonders schöne Wandbild. Es schmückt eine riesige Häuserwand neben einem hässlichen Parkplatz in Tbilissi. An dem Zimmerfenster unten rechts kann man die Dimensionen erahnen.

Grafito aus Tbilissi

#Fotos

Wenn ich reise, nehme ich immer einen Beutel schwarzen Tee mit. Oft bekommt man unterwegs zwar guten Kaffee, aber selten guten Tee.

Inzwischen ist mein Tee alle. Sollte ja kein Problem sein, in Georgien guten Tee zu finden – dachte ich Schließlich wird Tee hier produziert. (Schon in der DDR war der grusinische Tee berühmt-berüchtigt.) Aber ich hatte mich geirrt. Zumindest in der Provinz gab es überall nur die üblichen internationalen Teebeutel. 😥

Deshalb führte mich heute in Tbilissi einer meiner ersten Wege (nachdem ich zum Rasieren beim Barbier war) zum Bitadze Tea Shop (Tipp aus dem Reiseführer). Ein kleiner Laden, gleich noch mit Ausstellung historischer Tee-Dosen. Eine davon kannte ich noch von früher...

Und natürlich gab es zahlreiche Sorten georgischen Tees, von denen ich drei gekauft habe. Ich werde sie in den nächsten Tagen probieren und habe gleich noch ein vergängliches Andenken für Zuhause.

Tee-Laden in Tbilissi Im Tee-Laden

#Kulinarisches #Fotos

Es sind vorrangig Ford Transit und Mercedes Transporter. Immer schon ziemlich alt, meist vorher in Europa gefahren und dort aussortiert. 20 bis 24 Plätze.

Mit diesen Kleinbussen ist das ganze Land verbunden. Auf den Bus-Stationen der größeren Städte stehen immer viele davon. Manche haben ein Schild mit Fahrziel in der Windschutzscheibe. Meist muss man aber einfach nachfragen, wenn man sich nicht auskennt.

Früher standen sie, bis sie voll waren, und fuhren dann los. Heute gibt es schon Abfahrts-Zeiten, die man erfragen kann, wenn sie einen interessieren. Angeschrieben sind sie nirgends. Und es kommt vor, dass die Marschrutka dann doch nicht losfährt, weil nicht genug Menschen drin sitzen. Aber meistens sind sie voll.

Mir macht es nicht wirklich Spaß, darin zu fahren: eng, laut, rumpelig. Drei oder sechs Stunden Fahrzeit sind anstrengender als ein ganzer Arbeitstag. Aber immerhin ist es authentisch. Und ich komme, wohin ich will.

An der zentralen Busstation in Chiatura Marschrutka nach Tbilissi

#Transport #Fotos

Der Reiseführer nennt die Stadt “skuril”. Und ja, skuril ist sie. Eine Bergbaustadt in einem Tal. Früher schwebten hier Dutzende von Seilbahnen umher und verbanden die Blocks auf den Hängen, die Industrie-Anlagen, den Bergbau. Jetzt gibt es nur noch fünf davon – alle neu saniert. Eine sechste wird gerade in Ordnung gebracht. Von den anderen findet man allenthalben die Übereste – manchmal hängen die Gondeln noch in der Luft, woanders sind es nur die Stationen, die wie Ungeheuer noch herumstehen.

“Überreste” – das scheint ohnehin ein Hauptwort in Chiatura und dem ganzen Tal zu sein. Überall stößt man auf Überreste: von Industrie-Anlagen, von Seilbahnen, vom Brutalismus der Sowjet-Zeit, von früherem Wohlstand... Aber was ist diese Stadt heute? In den lost places der Industrie sind immer wieder vereinzelte Menschen beim Arbeiten. Ich verstehe nicht, was sie tun. Plötzlich läuft mitten unter den Leichen alter Bagger, Laster und Produktionshallen eine der Maschinen, die gewiss schon über ein halbes Jahrhundert alt ist. Wofür? Der erste Eindruck heißt: skuril. Es kommt mir auch so vor, als seien die #Menschen hier viel verschlossener, manchmal gar abweisender, als ich es sonst erlebt habe. Eine tiefere Beschäftigung damit würde mich interessieren. Aber das wird wohl nix.

Etwas habe ich verstanden, als ich gestern den sehr beeindruckenden Film “City of the Sun” (momentan leider nur bei Netflix) gesehen habe – eine poetische Dokumentation des Lebens hier. Chiatura ist in jedem Fall einer der starken Eindrücke dieser Reise.

Eine der alten Gondeln Industrie-Brache
Brutalismus: Der Bahnhof Butalismus: Das Kaufhaus

#Fotos

Das Schöne an einer solch langen Reise ist auch: selbst von den hiesigen Erlebnissen kann ich gelegentlich abschalten, ohne die Angst etwas zu verpassen ...

Heute Abend habe ich (nach einen Hinweis in unserer Gemeinde-App) den Film Mission: Joy gesehen. Dabei geht es um die Freundschaft von Erzbischof Desmond Tutu (der schon immer zu meinen “persönlichen Heiligen” gehört) und dem Dalai Lama. Und vor allem geht es um die Freude und die Mitmenschlichkeit.

Zu Tränen gerührt – Tränen des Mitgefühls und der Freude – hat mich diese Dokumentation. Da steckt so viel Leben drin! Damit im Herzen werde ich morgen wieder in die georgische Wirklichkeit gehen.

#Menschen

Das Auswärtige Amt fordert Touristen in Georgien dazu auf, sich über die politische Situation auf dem Laufenden zu halten. Also schaue ich einmal täglich in ein georgisches Online-Journal, das der Regierung offenbar kritisch gegenüber steht. Manchmal erschreckt mich (wie schon in Armenien), wie wenig ich im Land von dem mitbekomme, was innenpolitisch gerade wichtig ist.

Gerade heute haben sich die EU-Außenminister*innen „beunruhigt“ und „zutiefst besorgt“ über die „sich verschlechternde Situation“ in Georgien geäußert. Sie reden von Inhaftierungen, willkürlichen Verhaftungen und zunehmenden Repressionen gegen Kritiker der georgischen Behörden, Vertreter der Zivilgesellschaft, friedliche Demonstranten und unabhängige Journalisten. Dazu kommen Gesetzesänderungen, die die unabhängige Zivilgesellschaft und den legitimen Protest unterdrücken sollen.

#Gesellschaft